Zielsetzung des Projekts

Die Projektarbeit ist an verschiedenen Zielen gleichzeitig orientiert:Für die geistig behinderten Mitglieder soll die Teilnahme am Projekt vordergründig die Entfaltung und Erfahrung ihrer gestalterischen Fähigkeiten im bildnerischen Bereich ermöglichen. Dafür ist es schon fast ausreichend, ihnen Raum, Zeit und Material zur Verfügung zu stellen.


Im Projekt werden keine (kunst-)pädagogischen Ziele verfolgt, die einer weit verbreiteten, primär an der Beseitigung von Defiziten orientierten Interventions- oder Lehrplanpädagogik zugerechnet werden könnten. Zum Zweck einer deutlichen Abhebung wurde die entsprechende Position (bewusst widersprüchlich) früher als "zielfreie Entwicklungsförderung" bezeichnet. Inzwischen wurde die "Methode der leicht zurückweisbaren Angebote" als spezifischer pädagogischer Ansatz, dem die Projektarbeit weitestgehend verpflichtet ist entwickelt. Dieser Ansatzes gestattet es, Entwicklungsmöglichkeiten für die behinderten Projektmitglieder zu eröffnen und ihnen zugleich im großem Umfang die Gestaltung ihrer eigen Entwicklung zu überlassen.

Im Projekt werden auch keine eng bestimmbaren therapeutische Ziele verfolgt. Insofern aber das Projekt für die behinderten Mitglieder ein sehr komplexes soziales Ereignis ist, das vielfältige Handlungs- und Lernmöglichkeiten bietet, kann es selbstverständlich, vor allem auf dem Hintergrund eines deutlich gefestigten Selbstwertgefühls, dazu kommen, dass die Erfahrung künstlerischer und sozialer Gestaltungsfähigkeit auf sonstige Lebenszusammenhänge verallgemeinert werden. Zuweilen sind offenbar die Erfahrungen im Projekt in beeindruckender Weise die Basis dafür, das eigene Leben selbst zu gestalten bzw. sich die dafür nötigen Unterstützungen zu organisieren.

Die Erfahrungen im Projekt können zu weitreichenden und höchst unterschiedlichen Konsequenzen führen. Diese Konsequenzen sind nicht explizit intendiert, sind aber gleichsam im Ansatz des Projekts impliziert.

Für die Eltern der behinderten Projektmitglieder geht es um die Wahrnehmung von Entwicklungschancen für ihre Kinder und um eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für diese. Es geht aber auch darum, dass die Eltern eine kleine Entlastung von ihrer Betreuungsarbeit erhalten. Die Eltern erfahren die Wertschätzung ihrer Kinder, z.B. im Zusammenhang mit Ausstellungen oder Reportagen. Solche Erfahrungen sind zuweilen der Ausgangspunkt fast dramatischer Veränderungen der Einstellung ihren Kindern gegenüber.

Für die Studierenden soll das Projekt primär eine Lernchance sein. Sie können vor allem in vorsichtiger Weise lernen, wie die Entwicklung anderer Menschen so zu fördern ist, dass sie deren Entwicklungsbedürfnissen und -möglichkeiten angemessen ist und deren Bestreben nach Autonomie möglichst weitgehend entsprochen wird.

Die Studierenden haben zudem die Möglichkeit, ihre eigenen künstlerischen Fähigkeiten, insbesondere ihre Spontaneität, in der Kooperation mit den behinderten Projektmitgliedern zu kultivieren. In mehrfach verschränkter Weise lernen sie von den behinderten Projektmitgliedern während sie sie fördern und unterstützen.

Außerdem haben die Studierenden die Gelegenheit, sich mit Problemen der Öffentlichkeitsarbeit auseinandersetzen, Erfahrungen über Projektfinanzierung und -management zu sammeln und ihre Kompetenzen im Umgang mit gestalterisch relevanten Materialien und Medien zu erweitern. Letzteres gilt in besonderem Maße für computergestütztes grafisches Gestalten. (Vgl. hierzu die im Projekt erstellte CD-ROM "click.ART".)

Da sich das Projekt in dauernder Entwicklung befindet, haben Studierende auch vielfältige Möglichkeiten, auf diese Entwicklung Einfluss zu nehmen und im Zusammenwirken mit allen Beteiligten verantwortungsvoll Änderungen einzuführen. Tatsächlich sind den Studierenden wohl die wichtigsten Impulse für die Entwicklung des Projekts zu danken. Indem sie die "Methode der leicht zurückweisbaren Angebote" auf ihre eigene Lernsituation beziehen, können sie versuchen, die Autonomie bezüglich ihrer Hochschulsozialisation zu erhöhen.

Für die Lehrenden stellt das Projekt ebenfalls eine Lernsituation dar. Dies gilt für die Entwicklung angemessener Lehr-/Lernformen, wie auch für die Entwicklung theoretischer Aspekte der Arbeit mit geistig behinderten Menschen, beispielsweise im Hinblick auf eine "Integrative Kulturarbeit", und auf Möglichkeiten selbstbestimmten Lernens bei Studierenden und geistig behinderten Menschen.

In Bezug auf die "Öffentlichkeit" versucht das Projekt modellhaft einen Beitrag zur Integration geistig behinderter Menschen zu leisten. Insbesondere Ausstellungen, Berichte über die Arbeit des Projekts und Vorträge sollen Interesse an Produkten, Kompetenzen und Wesenszügen geistig behinderter Menschen wecken, Vertrautheit fördern und so zu akzeptierender Integration beitragen. Zentrales Anliegen des Projekts ist es, zu erkunden, wie Menschen mit einer geistigen Behinderung ihren Entwicklungsmöglichkeiten und -bedürfnissen gemäß so gefördert werden können, dass ihre Ausgeliefertheit an vorgegebene Lebensbedingungen möglichst gering wird. Immer deutlicher entwickelt sich in letzter Zeit die Frage, welche Bedeutung die diesbezüglichen Erkenntnisse für nicht behinderte Menschen haben.

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